Wie ticken Jugendliche?

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Zugegebenermaßen eine provokante wie generelle Frage und oft bekam ich als Reaktion auf diese Frage schallendes Gelächter und die Antwort: das wüsste ich auch gerne!

Wir Erwachsene, scheinen also schon einmal nicht die Antwort auf die Frage ‚wie ticken Jugendliche‘, zu haben. Eher gibt es unter uns Erwachsenen ebenso den Bedarf diese Frage beantwortet zu bekommen. Aber in Ordnung, so schnell lassen wir uns nicht entmutigen und unternehmen einen weiteren Versuch bei jemandem, der es wissen muss, und zwar innerhalb der SINUS-Jugendstudie 2020.1

Seit 2008 legt das SINUS-Institut mit der Studienreihe ‚Wie ticken Jugendliche?` alle vier Jahre eine empirische Bestandsaufnahme der soziokulturellen Verfassung der jungen Generation vor. Diese liegt damit, nach 2008, 2012, 2016 und nun 2020 zum vierten Mal vor.

Erwähnenswert hierbei ist, dass mit der Integration von über 100 Informationsgrafiken versucht wird, den Inhalt der Jugendstudie erstmals lebendiger wirken zu lassen und um Jugendlichen und Erwachsenen die Chance zueröffnen, miteinander einfacher ins Gespräch zu kommen. Damit soll das bekannte Dilemma des Sprechens ‚über‘ eine bestimmte Zielgruppe zu einem Sprechen ‚mit‘ ihr auf Augenhöhe umgewandelt werden.

Fängt damit eine ‘sinnvolle und notwendige‘ Vermarktung, wie Jugendliche ticken, an? Wohl kaum, aber zumindest wird hier der wohlgemeinte Versuch deutlich, kommunikative Barrierefreiheit herzustellen bzw. zu gewährleisten.

Was, aus meiner persönlichen Sicht, sehr begrüßenswert ist. Scheint es auf den ersten Blick lediglich ein erstes kleines Entgegenkommen gegenüber der Generation ‚Social Media‘, wie z.B. Facebook, Instagram, LinkedIn, TikTok etc. zu sein, empfinde ich es in einer immer komplexer werdenden Welt, als eine willkommene Lösung ebendiese komplexen Zusammenhänge einfacher (grafisch) erklären zu wollen.

Aber erst einmal zurück zur SINUS-Jugendstudie; was genau meint die Studie mit der Frage ‚wie ticken Jugendliche‘. Wir schauen mal gemeinsam, was unter ‚ticken‘ nachgefragt wird, los geht’s:

• was ist Jugendlichen wichtig

• an welchen Werten orientieren sie sich

• wie blicken sie in die Zukunft

• welche Hoffnungen, Ängste und Sorgen haben sie

• welche Vorbilder haben Jugendliche

Wir sprechen die gleiche Sprache, aber oftmals aneinander vorbei.

Wie häufig hören wir dieses Vorurteil, diese Meinung, von beiden Seiten. Ist nicht die vermeintlich unterschiedliche Sprache das Problem, sondern vielmehr die Bereitschaft, auf beiden Seiten sich auf Augenhöhe zu begegnen, aufeinander zuzugehen, aktiv zuzuhören, um sich bestmöglich zu unterstützen und voneinander zu lernen?

Lernen ist seit jeher damit verbunden, dass eine (zumeist) ältere, dadurch erfahrene Person, einer jüngeren Person ohne grössere Lebens- und Berufserfahrung, etwas lehrt. Sei es beginnend im Kindergarten, Schule, innerhalb der Ausbildung oder auch als Mentor innerhalb des späteren Berufes. Im privaten Bereich sind es die Trainer*innen im Sportverein, beim Klavierspielen lernen usw.

Dieses festgefügte und über Jahrtausende gelernte Schema führt dazu, dass der Ältere dem Jüngerem etwas lehrt und der Jüngere dem Älteren zuhört, lernt – aber selten umgekehrt. Akzeptanz als Wert kommt hier ins Spiel, zu akzeptieren, dass der Jüngere über Fähigkeiten verfügt, die auch er weitergeben kann und oftmals auch sehr gerne möchte.

Warum wollen wir auf Augenhöhe kommunizieren? Das Erziehen und Lehren von oben herab, das in der Schule und in der Ausbildung mit jungen Menschen manchmal so unverzichtbar erscheint, erreicht Heranwachsende nicht mehr.

Es fördert eher deren Widerstand gegen das, was vermittelt werden will. Jugendliche wollen selbst erfahren, nach dem Warum fragen, eine intensive Auseinandersetzung spüren und dazu braucht es Zeit und Raum zur Selbstreflexion. Mut zur Lücke und Stille, zum Zuhören und Nachfragen kann das fördern.2

Diese junge Generation ist (nach wie vor) eine pragmatische; Ängste, die, wenn sie mit schulischen oder beruflichen Scheitern assoziiert werden, finden sich überwiegend in den sozial benachteiligten Lebenswelten; ebenso Zukunftsängste und Zweifel. Mechanismen oder Konzepte des sozialen Aufstiegs fehlen meist noch immer. Auch heutzutage erwecken die prekären jugendlichen Lebenswelten den Anschein, stark von Stagnation und Resignation geprägt zu sein.

Die bildungsnahen Jugendlichen blicken zwar recht optimistisch – oder zumindest entspannt – in die Zukunft, ohne dabei große Ambitionen zu haben oder Anstrengungen in Kauf nehmen zu wollen. Sie sind allerdings in großer Sorge betreffend aller Fragen rund um den Klimawandel bzw. die Klima- und Umweltpolitik.

Jugendliche und ihre Werte

Folgendermassen sind in der Studie Werte definiert: Konzepte und Überzeugungen bezüglich wünschenswerter Zustände oder Verhaltensweisen, die über eine spezifische Situation hinausgehen, die die Auswahl oder die Bewertung von Verhalten und Ereignissen steuern, und die nach relativer Bedeutung geordnet sind3.

Kann man so definieren; geht sicherlich aber auch einfacher: Menschen ohne Werte, sind wie ein Kompass ohne Nadel.
Dieses Bild hat sich in meinen Gedanken sehr verfestigt. Was nützt mir ein Kompass, wenn ich nicht weiß, wo Norden oder Süden ist. Im übertragenen Sinne; woher weiß ich wohin ich in meinem Leben möchte, was ich als richtig empfinde oder wofür ich einstehe, wenn ich mir meiner Werte nicht bewusst bin oder noch bedrückender, wenn ich sie nicht kenne.

Jugendliche teilen vor allem soziale Werte, sowie den Wunsch nach Leistung und Selbstbestimmung. Verbindlich für die junge Generation heute ist ein Wertekanon aus sozialen Werten (Familie, Freunde, Treue, Toleranz) und individualistischen Bestrebungen (Leistung und Selbstbestimmung). Darüber hinaus orientieren sich Jugendliche zudem an unterschiedlichen Werten bzw. in unterschiedlichem Maße an denselben Werten.

Mit anderen Worten: Nicht allen ist alles gleich wichtig im Leben, und nicht jeder Wert wird von allen gleichermaßen hervorgehoben und gelebt. Beispielsweise ist es fast allen der befragten Jugendlichen wichtig, im Leben materiell abgesichert zu sein. Von einigen Jugendlichen wird dieser Wunsch aber existenziell verhandelt, während andere ihn eher beiläufig erwähnen, weil es für sie außer Frage steht, künftig keine finanziellen Probleme zu haben.

Es zeigt sich, dass die universellen Werte, d.h. die für alle gültigen, meist auf Harmonie abzielen bzw. dort verortet sind. Alle Jugendlichen wünschen sich Halt und Orientierung. Soziale Werte, wie Familie, Freunde, Vertrauen, Ehrlichkeit und Treue, sind ihnen durchweg wichtig. Die große Bedeutung von sozialen Beziehungen wird in den Angaben der Jugendlichen zur Frage nach den Dingen, auf die man nicht verzichten könnte, deutlich. Hier nennen 2/3 der Befragten Freunde und Familie. Die meisten Jugendlichen sind bodenständig. Der breiten Mehrheit geht es nicht um ein Leben in Saus und Braus, sondern primär um materielle Absicherung bzw. den Wunsch nach einem ‚guten Lebensstandard‘.

Genau hier sind die älteren Generationen gefordert, ihre Lebenserfahrungen, ihre daraus gewonnen Werte, ihre Haltung, an die Jugendlichen weiterzugebe, sie mit ihnen zu teilen. Wichtig ist es mir hier zu erwähnen, dass es nicht um richtig oder falsch geht, sondern um einen gegenseitigen Austausch auf Augenhöhe; um die bestenfalls vorhandene Bereitschaft, vom jeweils anderen zu lernen.

Werte bzw. Wertevorstellungen werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben, von Eltern, Großeltern und Erzieher*innen an die Kinder. Rückmeldungen, die man aufgrund seines Verhaltens erfährt, führen ebenso zum Erlernen von bestimmten Wertvorstellungen. Da Gesellschaften und Kulturen einem ständigen Wandel unterworfen sind, ist dieses Lernen nie zu Ende.

Nach Meinung Jugendlicher werden Werte und Grundorientierungen vor allem durch die Eltern, Schule sowie durch Freunde und Bekannte vermittelt. Institutionen (Beruf, Kirche und Gemeinde) sowie Personen des öffentlichen Lebens nehmen hintere Plätze ein.4 Werte geben dem Handeln Jugendlicher einen gewissen Rahmen zur Orientierung, der ihnen hilft einen bestimmten Weg zu gehen. Werte können sich über die Zeit hin auch ändern, bei Jugendlichen geschieht dies nicht über Nacht, sondern als Ergebnis eines längerfristigen Erfahrungsprozesses.

Machen sich Jugendliche selbst Gedanken über ihre Werte, kennen Sie sie?

Persönlich habe ich mir sehr selten oder zumindest erst sehr spät in meinem Leben Gedanken über (meine) Werte gemacht. Im Rückblick betrachtet bin ich also lange Jahre ohne Nadel im Kompass ‚herumgeirrt‘. Nun, mit einer gewissen Lebenserfahrung und der Berufung mehr über Werte zu lernen bzw. nach ihnen zu leben, besteht in mir der große Wunsch des Austausches über Generationen hinweg. Wir können voneinander lernen, uns gegenseitig um Rat fragen und ihn geben, dem jeweils anderen (für eine kürzere oder längere Zeit) die Nadel in seinem Kompass sein.

Jugendliche wollen doch nur Party machen und im heute leben! Diese Meinung hören wir allzu oft und ist so einseitig, wie falsch. Jugendliche streben beides an; sie machen sich Gedanken über ihre Zukunft und möchten das Hier und Jetzt genießen; die Vorbereitung auf den Beruf hat jedoch Priorität. Sie hätten keine Werte, keinen Anstand, keine Moral mehr, findet die ältere Generation. Unsere Werte können uns beispielsweise daran hindern, wirklich auf Augenhöhe in einen Austausch, einen Dialog zu kommen. Meine, unsere Haltung zu ihrer Lebenswelt wird sich in meiner Reaktion, Sprache und Körperhaltung widerspiegeln, im positiven wie im negativen Sinne.

Abschließend noch einmal die Frage: wie ticken Jugendliche?

…die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Sokrates, griechischer Philosoph, Um 469 v. Chr.

Von daher wünsche ich uns allen viel Erfolg bei der Kommunikation auf Augenhöhe, über Generationen hinweg.


Artikel von Ingo Bulgrin – dersneakerspeaker® – Intuistik® Werte Coach und VoiceOver Artist – März 2021


1 Calmbach, Marc etc: SINUS-Jugenstudie 2020, Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14-17 Jahren; im Auftrag von u.a. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
2 Bischof, Nadine; 2019; Jugend, Politik & Werte
3 Schwartz und Bilsky; Wertedefinition 
4 Lukesch, Helmut; 2005 

Autor*in

Ingo Bulgrin

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